„Uta, wie geht es Dir?“ Es ist Eddies Stimme in der Leitung. Seit einem Jahr habe ich sie nicht mehr gehört. Damals hatten wir zwei Wochen lang im selben Hostel in Montréal gewohnt, waren zusammen ins Casino gegangen und zum Tanzen. Eddie ist um die 60 und aus Amerika. Nun hängt er in Californien bei seinem Bruder fest. Eigentlich wollte er nur kurz bleiben.

Einen Tag zuvor, es ist 8 Uhr 30. Die erste Smartphone-Schlagzeile nach dem Erwachen lautet: „Deutschland schließt die Grenzen.“ Die ersten Gedanken, die sich durch meine Gehirnwindungen schieben, schubsen, gegenseitig ziehen – nur mit größter Mühe und widerwillig: Packen und fliegen oder nicht? Nach Hause. Zu den Eltern. Sie sind Risikogruppe. Brauchen sie mich jetzt? Ich habe sie seit einem Jahr nicht mehr gesehen.

Tags darauf: Ich blicke über den Wald hinweg aufs Meer, das Farmhaus, in dem ich seit zwei Monaten wohne, im Rücken. Wie sehr habe ich mich in den vergangenen Wochen an diese Aussicht gewöhnt. So sehr, dass mich nichts von hier weglocken kann. Auch ein Virus nicht. Im Gegenteil. Welcher Platz auf Erden wäre besser denn dieser, wenn weit da draußen hinter dem Wasser die Seuche tobt? Gerade erkläre ich es einer Freundin am Telefon. Sibylle. Lange nichts von ihr gehört. Sie lebt ihr Leben in Deutschland, ich meines in Kanada. „Ich bleibe. Alle Flüge sind gecancelt und auf mich warten in Deutschland weder Job noch Wohnung. Also was tun? Wieder bei den Eltern einziehen? Schlimmstenfalls würden sie wegen mir das Virus kriegen und ich wegen ihnen die Krise. Kein Mensch weiß, wie lange dieser Wahnsinn dauern wird.“

Insgeheim freue ich mich darüber. Ich freue mich darüber, dass dieses Virus die Welt lahmlegt, quasi alles und jeden einfriert, direkt an Ort und Stelle. Mich also in Kanada, gegen Ende meines Working Holiday Jahres. Im Osten war ich angekommen, im Westen wollt ich wieder gehen. Und nun gehe ich nicht, sondern stehe hier, stehe so weit im Westen, dass ich schon nicht mehr das Festland unter den Füßen habe, sondern die regendurchtränkte Erde einer Insel. Eigentlich wäre in der Tat in den nächsten Wochen mein Flieger gegangen, hätte mich zu Vater, Mutter, Schwester – und danach weiter zum Bruder gebracht nach Kolumbien. Nein, meine Reise wäre noch nicht zu Ende gewesen.

Doch ich freue mich, sie nun alle nicht zu sehen. Ich habe jemanden kennen gelernt. Erstes Rendez-vous mit Muschelessen, Blick in tiefbraune Augen und auf tiefblaues Hafenwasser.

Was ich da noch nicht weiß: Es würde hier, in British Columbia, zwar kein Gesetz werden, doch die Menschen sollten trotzdem in ihren Holzhäusern bleiben, in ihren Gärten davor, wo sie, in Vorbereitung auf Krisenzeiten und den bevorstehenden Sommer Karotten, Gurken und Tomaten ziehen würden. Einmal in der Woche sollten sie sich in ihre Pickups setzen und in die Schlange vor dem Supermarkt einreihen, immer schön die soziale Distanz wahrend. Mein Date würde ich nie wieder sehen.

Und dennoch. Wo wenn nicht hier würde ich jetzt sein wollen? Wohnte der Weihnachtsmann am Nordpol, war auf dieser Farm die Freiheit zu Hause, auf einem Stück Erde, so groß, dass man ein Dorf darauf bauen konnte – jedes Haus mit Blick auf den Pazifik. Von mir aus konnte der Lockdown kommen. Auch zu Essen würde es reichlich geben. Dafür würde das Gemüse sorgen, dass auch in unserem Garten bereits die ersten linsengroßen Blätter durch die Erde schob. Dafür würden die Hühner sorgen, die im Freigehege ihren Hühnertätigkeiten nachgingen. Dafür würde der Farmer sorgen, frische Munition in seinen Waffenschrank stapelte. „Falls wir Rehe schießen müssen.“

Jetzt kam es mir wieder in den Sinn: Fast genau vor einem Jahr, noch an der Ostküste des Landes, hatte ich mich ebenfalls auf einer Insel befunden; ebenfalls auf einer Farm. Sie war 1950 von einem Holländer gegründet worden. Geflüchtet vor dem Zweiten Weltkrieg wollte er nie wieder hungern müssen. Sollte es je wieder zu einer Krise kommen, da war er sicher, war es besser, auf einem Berg Kartoffeln zu sitzen. Und hier sitze ich nun auf meinem Berg. Die Krise weit entfernt und doch rücken alle zusammen. Das Handy klingelt erneut. Ein weiterer Anruf. Diesmal ist es Kolumbien.

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