„Ah schon wieder eine Deutsche! Ihr seid echt überall!“
„Ja“, sage ich. „Ich weiß. Wir sind eben gern unterwegs.
„Deutschland ist wahrscheinlich schon ganz leergefegt.“
„Ja.“

Ganz leer? Nein! Mindestens einer hört einfach nicht auf, die Stellung zu halten. Raphael K. Punkt (ich darf seinen Namen hier aus rechtlichen Grünen nicht nennen), Ende 20, Couchsurfing-Betrüger. Noch für ungefähr fünf Jahre wird er in Rheinland-Pfalz die Stellung halten. Im Gefängnis.

Ein wenig bin auch ich der Grund dafür, dass er dort ist. Nachdem er mir im Sommer 2016 1.000 Euro klaute, wurde ich sauer. Über das Couchsurfingportal hatte er sich bei mir eingeladen und ich ihn nicht aus.
Irgendwann war er wieder weg und mit ihm mein Geld. Was geschehen war, erzählte ich in den Social Media, postete ein Foto von ihm und die Geschichte sprach sich rum. Ich wollte andere warnen und ihn finden.

Leider konnte auch ich es nicht verhindern, dass er bei mehr als 50 Couchsurfing-Gastgebern zuschlug und Dinge unterschlug wie Laptops, Smartphones, Bargeld, Münzsammlungen, Fahrräder. Das Schlimmste aber war, dass er die Menschen um ihr Vertrauen in andere Menschen brachte. Viele seiner Opfer kontaktierten mich, teilten ihrerseits ihre Geschcihte mit mir. Es war haarsträubend und faszinierend zugleich. Dieser Typ mit seinen bernsteinbraunen Augen und dem barbieblonden Haar trat so charmant auf und war so skrupellos. Ein echter Psycho. Ein Jahr lang habe ich seinen Streifzug durch ganz Deutschland verfolgt. Allein all diese Geschichten aufzuschreiben würde ein Buch füllen.

Irgendwann schaltete sich die Polizei ein, ich übergab einem Kommissar in Rheinland-Pfalz meine Informationen. Mitte 2017 dann der Anruf: „Ich kann Ihnen mitteilen, dass wir ihn gefasst haben.“
Raphael wurde zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt und das bedeutet: Er wird niemals das erleben, was andere in seinem Alter erleben. Während er den Rest seiner Jugend im Knast verbringt, dürfen wir reisen. Kein Land der Welt wird ihm jemals ein Visum ausstellen. Wer lässt schon einen Verbrecher rein (außer Couchsurfer, die Profile nicht richtig checken.)

Deswegen will ich Dich ein wenig mitnehmen auf meine Reise, Raphael. Denn ich bin wieder unterwegs. Ich darf dieses wunderbare Land kennen lernen, diese grandiosen Menschen, die so freundlich und hilfsbereit sind, wie es in Deutschland wohl nur einer ist, der irgendwas von dir will, im Zweifel dein Geld.

Eine Nacht im Knast kann man im „Ottawa Jail Hostel“ erleben. Die Herberge ist eines der Touristenmagnete der kanadischen Hauptstadt.

One Reply to “Freiheit”

  1. Wow, krasse Geschichte. Richtig heftig. Leider sind immer wieder schwarze Schafe unterwegs. Ich finde es toll, dass du einen Beitrag leisten konntest, dass dieser Mensch verschwindet. Erst einmal hinter Gittern aber dann auch aus der internationalen Reise-Community. Er hat sein ganzes Leben verschwendet, um sich an anderen zu bereichern. Traurig.
    LG
    Sarah

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