Wie ich eine Zwiebel investierte und 100 Dollar verdiente

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Abenteuer? Abenbillig!
Dies ist die Geschichte davon, wie ich in eine Zwiebel investierte und 100 Dollar verdiente.
Ich arbeite nicht mehr auf der Farm und lebe in Victoria. Lucky me lässt mich dort ein Freund kostenlos in seinem leerstehenden Tiny House wohnen.

Im Garten leuchtet die Rote Beete mit den letzten Blättern der Birken um die Wette. Und auch sonst muss ich nicht hungern: Der Tante-Emma-Laden, in dem ich im vergangenen Sommer gearbeitet habe, versorgt mich mit unverkäuflichem Obst, Gemüse, Brot. Ich dumpsterdive, offiziell abgesegnet von meinem ehemaligen Chef.
Es ist überwältigend. Viel zu viel. Anstatt Ernte-Dank zu feiern, beschwere ich mich bei meinem Freund Andrew. Er ist Single, Veganer, kann nicht kochen, und hat die Mission, mich in seinem Start-up zu beschäftigen. Wenigstens stundenweise, damit ich etwas Geld verdiene.

Der Deal: 10 Bucks pro Meal. „Nicht schlecht“, denke ich, koche und vertreibe mir den Rest der Zeit damit, meine Artikel zu vermarkten, was 2020 nicht leicht ist.

Als ich an einem Sonntagmittag bereits die zweite Fehlermeldung bekomme – Gmail will meine Massenmail an die Redaktionen nicht versenden – surrt mein Smartphone: „Did you ever drive in Victoria?“ Es ist eine Message von Andrew.
„No“
„But you drive?“
„Yes“
“Can you drive me to Nanaimo. I don´t like being on the Highway.”
Andrew hat sich vor kurzem einen 20 Jahre alten Toyota Corolla gekauft – braucht er fürs Geschäft; er hat angefangen, Bitcoins zu handeln.
„I pay, of course.“
Ich sitze also hier auf dem Sofa und versuche einen Artikel zu verschicken, den mir vielleicht sowieso niemand abkauft. Ich könnte aber auch in Andrews Corolla sitzen und ihn in der Gegend herumfahren. Das Wetter ist fantastisch.
„When?“
„20 minutes?“
Ich muss noch für ihn kochen (zweite Geldquelle des Tages), ich will noch mal versuchen, diese Massenmail rauszuschicken, und… ich drücke meine Nase in die Achselhöhle. Ugh!
„30“
„K“
Mir ist heiß, ich schwitze, mein Kopf brummt. Linsen und Wasser auf den Herd, Aubergine und Zwiebel schneiden, Öl in die Pfanne, Gemüse hinterher. Schnell ins Bad. Ausziehen, in die Dusche, Creme ins Gesicht. Zurück in die Küche, Würfel wenden, Herd von 3 auf 2, zurück ins Bad. T-Shirt und Pulli überstreifen, Lidstrich. Parfum! Luxusnebel in Millisekunden. Minispa im Minibad.
Seit 24 Stunden sitze ich in meiner Höhle, in inniger Koexistenz mit dem Laptop. Meine Augen beginnen schon, die Welt in Pixeln zu sehen. Doch eigentlich sehen sie schon lange nicht mehr die Welt da draußen; die sich in leuchtenden Herbstfarben präsentiert, überspannt von einem strahlend blauen Himmel. Während mein Leben hier drinnen in 85 Tastatur-Quadrate eingeteilt ist.

Apropos! Zurück zum Computer! Text kopieren, Adressen in BCC, SENDEN
Die Mail konnte nicht verschickt werden. Sie haben ihr Limit von 500 E-Mails pro Tag erreicht.
Ich kann kaum atmen, Andrew kommt gleich, ich muss noch… es fehlen noch die Gewürze! Hoffentlich sind die Linsen nicht verkocht.
Ich HABE heute noch keine 500 E-Mails verschickt! Scheiß Gmail!
Ich bin so richtig in Autofahrerlaune!
Die Linsen!!! Oh, noch rechtzeitig gekommen.
Das Gemüse ist durch. Nichts verbrannt. Zum Glück ist Andrew ein anspruchsloser Esser.

Eine Stunde später sind wir auf dem Highway, der nicht mehr als 80 km/h zulässt, ständig von Ampeln unterbrochen wird und durch Ortschaften führt. Leicht verdientes Geld.
Mein Freund scheint meinen Fahrkünsten zu vertrauen, er hat sein Polster in die Tiefebene geschraubt und seufzt wohlig. Ich bin mit meinen Gedanken alleine, beginne über die Kulturen zu philosophieren. Für mich ist der Tag in diesem langsamen Land mal wieder ein Spaziergang. Ich bin ganz andere Geschwindigkeitsbegrenzungen gewöhnt, beziehungsweise gar keine. Ganz andere Anforderungen, Leistungslevel. Druck. Dieses Gefühl lässt sich wohl auf alle Ebenen des kanadischen Alltags übertragen, wenn ich ihn mit meinem einstigen in Deutschland vergleiche.

Später plaudern wir.
„So, also wie war das? Du kaufst heute Bitcoins oder Du verkaufst welche?“
„Heute kaufe ich.“
„Aha, für wieviel diesmal?“
„20“
„20? Du fährst wegen 20 Bucks vier Stunden lang in der Gegend rum?“
„Oh, nein, ich meine…“
Andrew nuschelt gerne, ich konzentriere mich lieber auf den Verkehr.
„In 300 meters turn right“, sagt die Googlestimme, wohl eine Verwandte von diesem Gmail. Hoffentlich weiß wenigstens sie, was sie tut! Anscheinend. Ich sehe es schon, da vorne muss ich von diesem häusergesäumten Pseudo-Highway runter. Schulterblick, Radstreifen überqueren, „Turn right on to Naimo Drive“ Ich rolle in die Gabelung hinein, vor dem Halteschild aus, schaue nach links: Es kommt nichts, ich fahre.
„20.000“
„Was? 20.000? Wir sind gerade mit 20.000 Cash unterwegs?
„Ja sicher, und das ist noch wenig.“
Andrew bewegt sich keinen Millimeter auf seinem Polster. Er hat die Augen geschlossen.
„Na wie gut, dass wir in so ner Schrottkarre unterwegs sind.
„Genau.“
Der Typ, dem Andrew später in seinem nagelneuen, glänzenden Pickup zwei dicke Bündel, mit Küchengummi zusammengehalten, hinhalten wird, ist als 14-Jähriger mit seinen Eltern aus dem Schwarzwald nach Kanada hierher gekommen. Anthony thront neben ihm auf einem Ledersitz, so breit wie eine Couch. Ich sitze auf der Rückbank und streichle den farblich passenden Pudel, Luna. Eine lachsrosa Zunge feilt an meinem Handrücken, schwarze Knopfaugen suchen den Grund meiner Seele ab. Die Geldübergabe findet auf einem Parkplatz statt. „Solche Geschäfte macht man immer unter Menschen“, hat mir Andrew mal erklärt.
Diesmal also ist der Treffpunkt eine Shoppingmall, genauer gesagt, der Behindertenparkplatz vor Starbucks.

Als ich nach vier Stunden wieder zu Hause bin, bin ich um hundert Dollar reicher. Ich stehe in der Küche, betrachte das Schlachtfeld und rechne ab: Die Aubergine war aus der Biotonne, die Linsen habe ich in der Küche gefunden. Das Öl auch. Nur die Zwiebel musste ich kaufen.
Mein Einsatz heute: 30 Cent.  

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