Nick: Er könnte Niederländer sein, oder aus Skandinavien. Ein wenig erinnert er an Michel aus Lönneberga. Ein ziemlich bekiffter Michel aus Lönneberga. Unter seiner Baseballkappe hängen ihm helle Haarsträhnen ins Gesicht, dahinter leuchten eigentümlich blaue Augen. Dieser Blick! – Irgendwie – entfernt. Entrückt? Verklärt. 

Eine Stunde, nachdem ich ihm geschrieben habe, holt er mich an einer Bäckerei ab. „Just having coffee and toast right now. Then I´ll be there.“
„Klar, denke ich. Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages, lass Dir ruhig Zeit!“
Als es soweit ist, wuchte ich meinen Rucksack in seinen Kofferraum, während er mir lächelnd zusieht. Sofort will er wissen, wo ich übernachtet habe. „Sarah und wie weiter?“ „Keine Ahnung sage ich. Eine ältere Lady, war auch auf der Fähre.“ „Ah, eine ältere Lady.“ Damit ist das Gespräch beendet. Betagte Damen scheinen ihn nicht zu interessieren.

Entschuldigung zum Hände dran wärmen

„Komm, ich lade dich auf einen Kaffee ein“, Nick grinst und ist offensichtlich stolz auf seine Großzügigkeit. Seine Bewegungen sind langsam, ich möchte ihne am liebsten schieben, auf dem Weg von seinem Geländewagen zum Eingang. Ich habe Geduld mit ihm, immerhin, das finde ich auch, war es eine gute Idee, sich mit Kaffee bei mir zu entschuldigen. Daran kann ich mir wenigstens die Hände wärmen.

Dass mein Farmer früher als IT-guy in Deutschland gearbeitet hat, wusste ich. Jetzt erfahre ich die ganze Geschichte. 14 Jahre lang hat er in Europa gewohnt – London, Frankfurt, eine zeitlang in den Niederlanden. Während ich ihm in die Augen schaue, in diesen glänzenden Blick, frage ich mich, ob er sich heute noch auf komplizierte Softwareprobleme konzentrieren könnte. Das Geld, das er damals verdient hat – „In der Branche gehst Du nach Europa oder in die USA, die zahlen besser als hier“ – hat er in mehrere Hektar Land auf der Insel investiert. Seit zehn Jahren ist er zurück.

Gummibärchen

Ich erzähle ihm, dass ich gestern Abend jemanden bitten wollte, mich zu ihm zu bringen, dass aber niemand seine Farm kannte, noch nicht einmal Google. „Ich will ja auch gar nicht gefunden werden.“ Er lächelt eigentümlich.
In dem Moment erinnere ich mich an etwas, das mir vor weingen Stunden Kian über die Insel erzählt hat. „Du baust Gras an!“ Nick ist überrascht. „Hat Dir das Dein Boss nicht erzählt?“

Ich werde ganz high von dem, was ich jetzt erfahre. Ich werde auf einem Bauernhof wohnen, der als Beiprodukt Eier abwirft – „damit haben wir Farmstatus und zahlen weniger Steuern.“
Ansonsten sprießen auf einem Hektar Land, umgeben von Wald, jährlich siebenfingrige Blätter, die Nick zu Essenzen für die Pharmaindustrie weiterverarbeitet – oder in Lebensmittel einbaut, nicht ganz legal, wie er zugibt. „Seit ein paar Tagen experimentieren wir mit Gummibärchen. Die haben es echt in sich, meine Güte! Ein halbes gestern Abend hat mich völlig umgehauen.“ Ich horche auf. Nick hält inne und richtet für einen kurzen Moment seinen leuchtenden Blick auf mich. „Ach ja genau, das war der Grund, warum ich dich nicht abgeholt habe.“

Kalte Romantik

Die Unterkunft: Ich habe meine eigene Hütte – ein Schiffscontainer mit vorgelagerter Terrasse, ausgerichtet auf die Bucht. Im Wohnzimmer, hinter einem Vorhang im Türrahmen, der es vom Rest des Palastes abteilt, sitze ich vorm Ofen im T-Shirt. Muss ich ins Bad, streife ich mir zwei Pullis über und sehe meinen Atem, wenn ich am Ende die Kerzen ausblase – das Deckenlicht hat schon vor langer Zeit den Kontakt zum Schalter abgebrochen, vielleicht fehlt auch einfach die Glühbirne, wer weiß, jedenfalls fehlt das Klopapier. Weder in der Halterung, noch im Wandschrank ist welches zu sehen, dafür liegt im Waschbeckenunterschrank ein goldener Wasserhahn, den man irgendwo einbauen könnte, aber dafür bräuchte man ein Marmowaschbecken, mindestens eines aus Keramik, keines aber aus grünem Kunststoff.

Zurück im Wohnzimmer: Während ich auf irgendetwas warte, ich weiß nicht recht auf was, Nick ist unberechenbar, schaue ich hinaus auf die Bucht, hinter der der Wald im Nebel versinkt.

Eine halbe Stunde später fahre ich in einem Pickup seinem Pickup hinterher, den steilen gewundenen Sandpfad zwischen Regenwald und Farnen das Grundstück hinauf. Aus irgendeinem Grund will er, dass der Wagen, in dem ich jetzt sitze, und der bis dahin vor meiner Hütte geparkt stand, zum Hühnerhaus kommt. Die Scheiben beschlagen langsam, die Scheibenwischer wischen wild, auf der Rückbank versuchen Sascha und Tank, zwei Dobermänner mit Nietenhalsbändern, das Gleichgewicht zu halten, während ich durch ein Schlagloch nach dem anderen schwanke.

Wir halten, mein Bauer freut sich. „Gut gemacht! Und schon bist Du ein Farmgirl!“ Der Rest des Tages ist langweilig. Durch Hühnerscheiße waten, brütenden Hennen die Eier unter dem Hintern wegklauen, die Hand wegziehen, wenn die jetzt wütenden Hennen hacken, Scheiße von den Eiern waschen. Doch, etwas war noch: In einer Ecke lag ein totes Huhn. „Altersschwäche“, meint Nick. Ich frage mich, ob es nicht vielleicht einfach nur stoned war.

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