Januar 2021. Ich sitze auf der Couch, Füße hoch, in drei Wochen fliege ich. Während ich von draußen, durch´s Fenster meines Gartenhauses betrachtet sicher recht gemütlich aussehe unter der rot-blau-karierten Decke, fühle ich mich doch recht unbehaglich. Seit Tagen treibt mich die Frage um, ob ich einen Corona-Test vor dem Abflug brauche oder nicht. Ich fliege billig, mit zwei verschiedenen Airlines über eine komplizierte Route und das macht die Antwort auf diese Frage nicht einfach: Los geht´s am 4.2. in Victoria um 5 Uhr nachts. Zwischenlandung in Vancouver, weiter nach Toronto. Dort 24 Stunden warten und weiter nach Frankfurt. Wieder mit Zwischenlandung.

Nun also die Frage: Brauche ich einen Test? Und wenn ja wie viele und für was? Oder für wen? Für den Inlandsflug? Für den Interkontinentalflug? Für die Airlines? Für die Flughäfen, auf denen ich umsteige? Für die Länder und Provinzen, in denen ich an Gates herumsitze?

Ein erster Anruf bei meiner europäischen Fluggesellschaft beruhigt mich nicht, auch wenn sie mir versichert, dass ich keinen Test brauche. Ich suche weiter. Die Website der deutschen Botschaften sieht auch keinen Bedarf. Einige Websites der Flughäfen dagegen sind schon unklarer. Am Ende meiner Recherche bin ich immer noch unsicher und beschließe: Ich mache den verdammten Test einfach, sicher ist sicher. Wäre er nicht so verdammt teuer! Und wäre die Teststelle nicht in Vancouver, was heißt, dass ich den Großteil meines allerletzten Tages in Kanada auf der Fähre verbringen muss, um mir für 300 Dollar ein Stäbchen in die Nase schieben zu lassen, in der Stadt, in die ich am nächsten Morgen sowieso fliege, um meinen Anschluss nach Toronto zu kriegen.

Nach weiteren Stunden und unzähligen Telefonaten finde ich eine Praxis in Victoria, die mir das gleiche für 170 Dollar anbietet. Schnäppchen! Ich schlage zu. Doch als mich die Praxisgehilfin nach meinem Wunschtermin fragt, bin ich schon wieder unsicher:
Das Testergebnis können sie mir erst nach 48 Stunden mitteilen. Andererseits darf der Test vor dem Boarding nicht älter als 72 Stunden sein. Ohne Terminvereinbarung lege ich wieder auf.

Zurück zur Seite von Westjet, der Linie, der ich meinen Inlandsflug nach Toronto anvertraut habe. Hier chatte ich mit einem Roboter namens Brandon, frage ihn: „Brauche ich einen Covid-Test für Inlandsflüge?“ Die Antwort: „Domestic flights do not require a COVID test. Klingt erstmal gut; ich frage weiter: „Kann ich mich darauf verlassen, dass das auch in zwei Wochen noch so ist?“ Die Antwort: „Leider können wir die Zukunft nicht vorhersehen, Änderungen können täglich eintreten.

Ich schreibe es auf, sonst kann ich es nicht erfassen:

6.2. 15 Uhr Ankunft in Frankfurt
5.2. 20.10 Uhr Abflug nach Europa
5.2. 11.30 Uhr 48 Stunden TESTERGEBNIS DA!!!
4.2. 11.30 Uhr 24 Stunden nach Test  
4.2. 7 Uhr 19,5 Stunden nach Test ABFLUG in VICTORIA
3.2. 11.30 Uhr TEST MACHEN!!!!!

Ich berechne es so, dass mir das Ergebnis für das Boarding bei Westjet noch nicht vorliegen wird.

Ich rufe die Praxis zurück und zwinge die Sprechstundenhilfe dazu, mir ein weiteres Mal zu versichern, dass sie mir das Ergebnis wirklich per Mail hinterherschicken können und das innerhalb von 48 Stunden. Sie notiert den Termin, wiederholt ihn für mich, schickt ein „Have a nice day!“ durch die Leitung, dann ist auch das erledigt.

Eine Woche später fallen mir zum ersten mal die Pushmeldungen auf, die mir Google news täglich aufs Handy schickt: „Mutationen in Südafrika entdeckt“, „Neuer Lockdown in UK“, „Erste Mutationen in Berliner Krankenhaus“

Am 28.1. erreicht mich eine Nachricht meiner Schwester, die mich auf die Lage in Portugal aufmerksam macht. Was das mit mir zu tun hat? Meine zweite Airline ist TAP Air und setzt vor Frankfurt zur Zwischenlandung in Lissabon an.

Ich rufe also bei bei der TAP-Hotline an, bei der ich mich bereits vor zwei Wochen wegen des Covid-Tests erkundigt habe. Die Dame am anderen Ende der Leitung versichert mir, alles bleibe wie gehabt. Allerdings brauchte ich einen Covid-Test.
Ach!
Doch nicht nur das. Sie betont, dass es unbedingt der PCR-Test sein muss, der Polymerase Chain Reaction-Test.
Ich habe keine Lust, schon wieder in der Praxis anzurufen, es nimmt sowieso nie jemand ab. Auch diesmal bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Namen und meine Nummer auf dem AB zu hinterlassen. 24 Stunden lang frage ich mich, ob ich nun doch nach Vancouver fahren muss, dann der Rückruf. Sheryn vom Empfang hat keine Ahnung, dass es verschiedene Tests gibt. Ich erkläre ihr die Unterschiede. Meiner Anweisung folgend checkt sie die Packungsbeilage. „Ah, hier steht es, PCR.“ Ich atme auf – bis mich die nächste Pushmeldung erreicht: „Deutschland schließt die Grenzen für 5 Länder, darunter Portugal.“

Ich hatte schon am Vorabend einen Ohrwurm, doch es hilft alles nichts. Wieder gebe ich mir 30 Minuten lang die TAP Air-Hotline-Melodie, die über den Handylautsprecher durchs Badezimmer weht. Gerade streiche ich mir Deo unter die Achseln, als eine Männerstimme grüßt. Routiniert fragt er meine Daten ab, routiniert gebe ich Antworten. Fast gelangweilt, sagt er: „Ja Ma`m, ihr zweiter Flug ist storniert, der von Lissabon nach Frankfurt.“ „Mist“, sage ich. „Aber kein Problem“, sagt er. „Wir bieten ihnen einen Weiterflug am 1. März an.“

Kurze Zeit später habe ich es auch Schwarz auf Weiß, TAP Air hat mittlerweile die Info über den Verteiler geschickt: Auch hier heißt es: „Keine Sorge, wir haben einen anderen Flug für Sie gefunden. Ihre Weiterreise ist am 1. März möglich.“ Die meinen das wirklich ernst. Abgesehen davon, dass niemand weiß, ob die Grenzen in einem Monat tatsächlich wieder offen sind, frage ich mich, was die sich vorstellen, was ich vier Wochen lang im viren- und mutantenverseuchten Lissabon tun könnte. Danach ließe mich die Bundesrepublik sicher nicht mehr einreisen, selbst wenn ich deutscher Ehrenbürger wäre. Vier Wochen Portugal im Februar 2021? Die würde doch an der Grenze denken: „Da kommt Carol aus The Walking Dead.“

Ich storniere also mein Paket mit TAP Air von Toronto nach Frankfurt, erhalte einen Gutschein und schaue nach Alternativen. Schon freue ich mich; Lufthansa bietet einen wirklich günstigen Flug an. Was für ein Glück ich habe! Ein zweiter Blick jedoch ist ernüchternd. Der Flug soll über London gehen. Seriously?

Und die Moral von der Geschicht: Gibt es nicht.
Ich besitze jetzt zwei TAP Air-Gutscheine, die in einem Jahr verfallen. (Falls jemand Interesse hat… sie stehen zum Verkauf.)
Immerhin: Abzüglich einer Bearbeitungsgebühr von 55 Euro wird mir Westjet das Geld zurücküberweisen, obwohl ich storniert habe und nicht sie. (Ein weiterer Beweis dafür, wie nett die Kanadier sind.)
Für 546 Euro habe ich einen Direktflug von Vancouver nach Frankfurt am 13.2. gebucht. Da ich hierfür keinen Covid-Test zu brauchen scheine, kann man das als günstig betrachten.
Außerdem habe ich heute Apfelkuchen gebacken.

Und eines steht fest. Ich werde nicht auf den Tag genau zwei Jahre nach meiner Einreise in Kanada zurückkommen. Das nächste Mal nehme ich wieder das Schiff.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: