Dank meiner ersten Couchsurfing-Gastfamilie stehe ich ziemlich schnell im Wald. Schon an meinem ersten Sonntag in Kanada fahre ich mit Betty und Stefan in einem weißen BMW eine Stunde lang über die Autobahn, bis wir zu einer Yurte kommen. Ihrer Yurte. In ihrem Wald. Stefan hat ihn gekauft. Er denkt, es ist immer gut, potenzielles Farmland zur Versorgung seiner Familie zu besitzen.

Doch noch stehen die Tannen, und Betty und ihr Partner nutzen die Yurte wie die Deutschen ihre Datscha: Sie verbringen hier ihre Wochenenden. Im Zelt prasselt Feuer in einem Ofen und es gibt heiße Suppe. Der riesige runde Raum, den die Planen vor dem heftigen Februarwind draußen schützen, ist vollständig eingerichtet, mit Küchenzeile, Sitzecke und Doppelbett. Man könnte hier gut leben.

Am Nachmittag gehen wir spazieren. Das Baby braucht frische Luft. Außerdem freuen sich die beiden Hunde über etwas Bewegung – die sie bekommen werden, den es dauert vierzig Minuten, bis wir einen Teil des Geländes umschritten haben.

Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus und das ändert sich auch nicht, als wir einige Stunden später das eigentliche Haus der beiden betreten, in einem großzügigen Wohnviertel von Halifax. Es ist eine gemütliche Mischung aus „wohlhabend“ und „close to the natives“ – den Indianern Kanadas. Die Hunde legen sich auf Felle vor dem Kamin, über uns in der Galerie des Wohnzimmers stehen Kunstwerke, draußen vor der Glasfront hüpfen Eichhörnchen im Garten von Baum zu Baum. Mittlerweile sind meine Gastgeber in mit Fell gefütterte Lederhausschuhe geschlüpft, die mit indianischen Mustern bestickt sind.

Und nun lerne ich es: „Es heißt nicht Indianer“, klärt mich Stefan auf. „Wir sprechen hier von First Nation.“ Indianer klinge so abfällig und der andere Begriff spiegele viel eher wieder, was sie ja eigentlich seien: Die ersten Siedler in diesem Land, bevor die Engländer und die Franzosen kamen. Er selbst stammt aus einer Familie, die aus der Beziehung einer Indianerin mit einem Siedler entstanden ist. „Von ihnen gab es viele“, meint Stefan. Doch die europäischen Männer seien weitergezogen und die indianischen Frauen mit ihren Mischlingskindern taten sich zusammen und gründeten Siedlungen.

Stefan ist Anwalt und setzt sich dafür ein, dass die First Nation das Land zurückbekommen, das ihnen die Europäer einst wegnahmen. Und wenn sie es nicht zurückerhalten können, weil zum Beispiel eine Stadt wie Halifax drauf steht, dann kämpft er für finanzielle Entschädigungen.

Er zeigt mir Bilder von einem Sommercamp: Im Juli laden ihn die Indianer zum Lachsfischen ein. Das Foto zeigt ein hölzernes Dach auf Stelzen an einem Flussufer. Darunter hängen rot leuchtende halbe Lachse zum Trocknen. Auf einem anderen Foto sitzt eine korpulente Indianerin im T-Shirt auf einem Plastikstuhl. Neben ihr steht ein Hund, der ihr fast bis zur Schulter reicht. „Der schützt unsere Beute vor den Bären“, erklärt Stefan.
„Wenn er bellt, dann trollen sie sich.“

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