Lebenskünstler mit Geschäftssinn

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Wir sitzen vor dem Fernseher. Dauernd kommt Werbung, das nervt! Aber jetzt wird es spannend: Ein Buckelwal springt vor schneebedeckten Bergen aus dem Wasser. Ich starre noch auf den Bildschirm, da höre ich Franks Stimme neben mir: „So was sehe ich im Sommer oft vom Wohnzimmer aus.“ Er sagt es vollkommen unaufgeregt. Andere Menschen haben Amseln im Garten, Frank hat Wale vor der Tür.

Frank. Braun gebrannt. Mitte 50. Alles, was er anpackt scheint ihm leicht zu fallen. In seinen braunen Teint haben sich unzählige Lachfältchen eingebrannt. Gerade ist er von einem Zwei-Monatstrip nach Mexiko zurückgekommen, wo es ein paar Grad wärmer ist als hier im Februar in Kanada. Nun wollte er eigentlich anfangen, die ersten Aufträge abzuarbeiten, doch: „Wenn ich eine gute Ausrede finde, um noch mal reisen zu können, bin ich dafür nur dankbar!“ Er lacht. Seine Ausrede diesmal: Er braucht einen neuen Pickup für sein Unternehmen. Da trifft es sich gut, dass eine Ölfirma in Alberta in der kommenden Woche einen ganzen Fuhrpark davon versteigern will. Frank riecht förmlich das gute Geschäft. Er wird vielleicht einen zwei Jahre alten Truck zu einem Drittel des Preises bekommen. Das ist die 750 Dollar für das Flugticket wert. Und wenn er keinen Truck bekommt? „Dann muss ich ihn nicht zurückfahren und kann ins nächste Flugzeug steigen, um doch noch mal einen Abstecher nach Mexiko zu meinen Freunden zu machen.“ Die Lachfältchen tanzen. Ja, Frank sieht so aus, als wünschte er sich, dass das passiert.

Auf ins nächste Abenteuer

Am nächsten Tag kommt ihm noch eine andere Idee: „Wenn ich die Trucks günstig bekomme, ersteigere ich gleich zwei davon. Den einen verkaufe ich hier auf der Insel für das Doppelte.“
Stellt sich nur die Frage, wie er zwei Fahrzeuge gleichzeitig nach Hause, nach Prince Edward Island schaffen kann. Mit dem Zug? Zu teuer! „Irgendwo finde ich sicher einen Anhänger. Dann zieht der eine Truck den anderen.“

Es muss seine Beweglichkeit sein, die ihn da hingebracht hat, wo er heute ist: Ihm gehören ein riesiges Grundstück am Meer, ein Haus darauf, ein paar Pickups stehen herum. Diese Beweglichkeit, mit der er durchs Leben geht, aber sich auch durch sein Haus bewegt: Gerade noch war er in der Küche, da ist er schon oben im Wohnzimmer, um kurz darauf auf der Veranda Holz zu hacken. Wenn andere noch nicht aufgegessen haben, ist bei ihm die Küche schon wieder sauber, die Teller gespült – dabei hat er keine Spülmaschine. Mit diesem Tempo scheint er durchs Leben zu gehen und er sagt von sich selbst, dass er nichts von allem wirklich lange gemacht hat. Immer nur das, worauf er gerade Lust hatte. Angefangen hat er als Staubsaugerverkäufer, dann in seinen 30igern eine Karriere als Kokser hingelegt, später handelte er lange mit Holz – bis ihm ein Baum auf den Kopf fiel und er fast tot war. Jetzt ist er so etwas wie ein Bauunternehmer: Er schaut sich an, was zu tun ist. Dann ruft er die richtigen Leute an, die die Arbeit übernehmen. Pickups und Material stellt Frank bereit und sie machen fifty fifty.

Schwere Zeiten für den Kühlschrank

Aber auch nur im Sommer. Im Winter ist er lieber dort, wo es warm ist, in Mexiko zum Beispiel. Dabei ist es heute in seinem Wohnzimmer ungefähr so heiß wie in der Sonorawüste. Während draußen bei minus 30 Grad der Wind um die Ecken des mit Holzschindeln bedeckten Hauses pfeift, brummt drinnen unentwegt der Kühlschrank, der verzweifelt versucht, Milch und Gemüse kühl zu halten. Mit nacktem Oberkörper sitzt Frank vor dem eisernen Ofen. Drinnen lodern die Flammen, draußen zeichnet der rote Vollmond eine Lichtstraße auf das Meer. Frank zieht zwei Stücke Heilbutt aus der Gefriertruhe, die er nachher in die Glut schieben will. „Da draußen“, er zeigt durchs Fenster, „ist mein Supermarkt.“ Im Sommer fährt er oft mit dem Boot hinaus und angelt sich sein Abendessen. Davon gibt es in der Bucht vor Canoe Cove so reichlich, dass er genug hat, um es für den Winter einzufrieren oder zu verschenken.

Vor dem Haus zeichnen sich dunkel ein paar Umrisse gegen den Mond und die nackte rote Erde ab. Rechts ist ein Boot aufgebockt, das Weiß von ein paar Pickups glänzt, ein Wohnwagen aus den 50ern steht herum. Links ist eine Hütte zu erkennen. In ihr wurde vor rund hundert Jahren Ahornsaft zu Sirup verkocht. Frank hat sie gekauft, hierher gekarrt und renoviert. „Für die Touristen im Sommer“, erklärt er. Mit schnellen Bewegungen deutet er auf die eine oder andere Stelle unten im Hof, erklärt, was er vorhat, was er noch bauen, noch verändern will. Das Gelände ist wie ein Spielplatz für Erwachsene. „Boys and their toys. Er lacht. Sogar das aufgebockte Boot will er ausbauen, damit man drin wohnen kann. Es ist sowieso nicht mehr seetauglich.

Auf Kundenfang bei Tim Hortons

„Vielleicht vermiete ich in diesem Sommer mein Haus an Touristen und ziehe in den Wohnwagen“, überlegt er laut. Auf der einen Seite ist dieser Mann immer auf der Suche nach neuen Geschäftsideen. Auf der anderen Seite lädt er reihenweise Couchsurfer zu sich ein und lässt sie kostenlos bei sich wohnen.

Er mag Menschen, unterhält sich gerne mit ihnen, ist im Handumdrehen ins Gespräch gekommen mit denen, die er in seinem „Büro“, einer Fast Food Filiale im Hauptort der Insel trifft. Dort bestellt er sich nachmittags einen Kaffee, setzt sich mit dem Pappbecher an einen der roten Tische und wartet, denn er weiß, Tim Hortons` Kunden von heute könnten seine Kunden von morgen sein. Gerade unterhält er sich noch mit der 40-Jährigen mit dem Ring in der Nase, da hört er schon der älteren Dame zu, der er letztes Jahr das Dach gemacht hat. Jetzt könnte es zum Beispiel passieren, dass sich ein Bekannter von ihr dazusetzt und sie sagt: „Peter, das ist Frank. Er hat letztes Jahr mein Haus renoviert. Ich war wirklich zufrieden. Wenn Du mal was an Deinem Haus zu tun hast…“

Eine andere von Franks Strategien ist es, kurz mit jemandem zu plaudern und dann zu fragen: „Na, was willst Du in diesem Jahr an Deinem Haus machen?“ Vielleicht sagt dann sein Gegenüber: „Ach, eigentlich gar nichts.“ Aber er wird nicht locker lassen und sagen, lächelnd wie immer: „Na, aber wenn Du nur eine Sache tun müsstest. Was wäre es in diesem Jahr?“
„Naja, die Terrasse müsste mal wieder erneuert werden.“
„Ok. Ich komme nächste Woche mal vorbei und mache Dir ein Angebot.“

Heute Kakteen, morgen Pickups

Frank ist der geborene Verkäufer. Einmal ist er mit einem Freund, nur so aus Spaß, nach Südafrika geflogen. Erstens wollte er sich das Land ansehen, zweitens wollte er schauen, ob er günstig ein paar Land Rover kaufen kann. Er hatte Glück. Zwei hat er damals gefunden, nach Kanada gebracht und teurer weiterverkauft. Ein anderes Mal haben er und ein Kumpel sich Schweißerhandschuhe übergestreift, hunderte hübsch blühender Kakteen in Alberta ausgegraben, eingetopft, auf den Pickup geladen und sind damit von Tür zu Tür gefahren. „Wir haben wirklich gut verdient damit.“

Frank ist auf der Insel aufgewachsen. Sein Vater war Fischer, sein Bruder ist Fischer. Zwischen den Kuttern und bunt angemalten Bootshäusern stapeln sich dutzende Hummerreusen. „Als Kinder haben wir manchmal Netze für unseren Vater geknüpft“, erzählt er. Ein paar davon hängen in seinem Haus herum, an alten Eichenbalken. Vor neun Jahren noch hat er kaum etwas besessen – nur das Grundstück, das er seinem Onkel für 5000 Dollar abgekauft hatte, und einen Wohnwagen, in dem er im Sommer campierte. Im Winter wohnte er irgendwo zur Miete.
Eines tages jedoch bekam Frank den Auftrag, eine alte Scheune abzureißen. Anstatt sie zur Halde zu fahren, brachte er sie zu seinem Stück Land am Meer.  

Wohnen im Souvenirshop

Dort baute er sie wieder auf und richtete sie Stück für Stück her – nicht ohne die Hilfe seiner vielen Freunde. Ganz fertig ist das Gebäude noch nicht, denn zwischendurch musste der Abenteuer innerhalb einer Woche ein Entscheidung treffen: Investiere ich 25.000 Dollar in das Nachbargrundstück, bevor Sam es kauft und ein Haus zwischen meine Scheune und das Meer baut? Er entschied sich dafür. Der freie Blick auf die Buckelwale wird ihm für immer sicher sein.  

In seinem Haus fühlt man sich derweil wie in einem Touristenladen an der Nordseeküste: An der Wand hängt das Portrait eines Kapitäns mit Vollbart und Pfeife. Vor den Sprossenfenstern stehen Selgeschiffchen. Sogar einen Postkartenständer gibt es. Was es damit auf sich hat? Mein Gastgeber erzählt die Geschichte von Samira, auch sie war eine seiner zahlreichen Couchsurfer. Die Taiwanesin kam als brotlose Künstlerin nach Kanada und über Umwege zu Frank, wo sie eine Weile blieb, und anfing, Boote, Leuchttürme, den Strand zu malen – alles, wegen dem sie sich in die Insel verliebte. Frank war begeistert. „Warum verkaufst Du deine Bilder nicht den Touristen von den Kreuzfahrtschiffen? Damit könntest Du hunderte Dollar verdienen.“

Später vermittelte er ihr tatsächlich den ersten Deal: Samira wollte gerne eine antike Ausgabe von Anna of Green Gables kaufen, aber konnte sich das Buch für hundert Dollar nicht leisten. Zufällig kannte Frank den Antiquar. Er ging zu ihm und sagte: „Hör mal, das Mädchen malt richtig gut. Wie wäre es, wenn sie Dir ein Bild von Deinem Laden zeichnet und dafür gibst Du ihr das Buch.“
Nach zwei Wochen war das Bild fertig, doch Frank sagte: „Das kannst Du ihm unmöglich für nur ein Buch überlassen. Ich komme mit Dir und spreche noch mal mit ihm.“ Sie fuhren also zu dem Laden: „Hör mal, lieber Freund“, fing er an. „Sie hat sehr lange daran gemalt und ich musste sie mehrmals in die Stadt fahren, damit sie Farbe kaufen kann. Was willst Du ihr dafür geben?“ „Das hast Du gemalt?“ Der Antiquar konnte es nicht glauben. Er bezahlte sie gut, für ihr Bild.
Die Künstlerin selbst lebt wieder in Taiwan und verdient sehr viel Geld mit Malkursen. Außerdem hat sie ihre Lieblingsmotive von Prince Edward Island auf Postkarten drucken lassen und Frank geschickt. Der verkauft sie nun an seine Couchsurfer. 

Oh Lord, would you buy me…

Solange ich bei Frank wohne, immerhin drei Tage lang, kann ich ihm nicht wirklich helfen, nicht beim Kochen, nicht beim Abspülen. Diesem Mann ist nicht zu helfen, er ist irgendwie immer schneller als ich.
Doch am letzten Tag, wir sind schon zur Tür hinaus, Frank will mich zum Bus bringen und selbst zum Flughafen fahren, die Pick ups in Alberta warten, bittet er mich doch um etwas. Nein, es ist keine Bitte, es ist mehr eine Anordnung. „Ok“, sagt er, während er an seiner Zigarette zieht. „Ich fahre den Pickup und Du den Mercedes. Der steht sicherer bei meiner Schwester, solange ich weg bin. Fahr einfach hinter mir her. Lass Dir Zeit.“ Und schon ist er im Pickup verschwunden. Viel Zeit zum Nachdenken habe ich nicht, eine Wahl auch nicht. „Automatik“, schießt es mir durch den Kopf. „Bin ich eigentlich noch nie gefahren.“ Ich schaue auf die dicke Eisschicht, die die Ausfahrt überzieht, während ich mich zwischen den umherwirbelnden Schneeflocken hindurch zum Wagen kämpfe. „Bei Eis und Schnee“, denke ich. „Bin ich bisher auch kaum gefahren.“ Ein paar Sekunden später schleiche ich hinter Frank auf der Landstraße her. Ich, die Deutsche, fahre zum ersten Mal in meinem Leben einen Mercedes. Mitten in Kanada. Mitten in einem Schneesturm.

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