Was sollte so ein alter Mann von mir wollen? Irgendwann weiß ich es: Seit der Scheidung ist er einsam. Er fürchtet sich vor dem Alleinsein und vor Altersarmut – wenn eines Tages sein jetzt schon alter Körper nicht mehr will und er zu schwach sein wird, die schwere Arbeit im Pferdestall zu tun. Hector ist Knecht. Noch immer. Dabei ist er fast 75.

Und was sollte ich von ihm wollen? Lernen. Lernen, zu lächeln und Sonne in diese Welt zu bringen. Nach einer langen Zeit in Dunkeldeutschland bin ich nun seit zwei Wochen in Kanada. Und da sind sie, diese Menschen, Couchsurfing hat mich mal wieder zu ihnen geführt, die nicht soldatengleich die Straßen entlangmarschieren, sehr fokussiert auf ihr Ziel, weniger fokussiert auf ihre Mitmenschen.

Ich verstehe ungefähr ein Drittel dessen, was Hector sagt; sein Akzent ist stark, aber ich verstehe, als er auf der Kirchenbank flüstert – gerade sind alle ins Gebet vertieft – „Pfannkuchen, Sahne, Blaubeeren. Das ist es, was mir gerade durch den Kopf schießt. Bescheuert, oder?“ Er kichert. „Nein, das ist nicht bescheuert“, flüstere ich. „Du hast Hunger! Ich übrigens auch!“ Es ist kurz vor Ende des Gottesdienstes; wir werden gleich frühstücken gehen. Doch nicht, bevor Hector mit Jess gesprochen hat, die da draußen auf dem Bürgersteig vor der Kirche in der Februarkälte hockt.  17 Jahre alt, das Gesicht vom ungekämmten Haar gerahmt, schaut sie durch eine etwas schräge Nickelbrille zu Hector hoch.

„Oh, ich mache mir manchmal Sorgen um sie“, hat er am Morgen gesagt. „Sie verletzt sich selbst.“ Dabei hat er mir sein Handgelenk hingehalten und Schnitte in die Haut angedeutet. „Als ich sie die ersten Male sah, hat sie mich nie angeschaut. Ich habe, wie jeden Sonntag, eine Münze in ihre Büchse geworfen. Dabei habe ich ihr gesagt, dass ich für sie mitlächeln werde, weil ihr selbst ja anscheinend nicht danach ist. Irgendwann hat sie dann doch mal aufgeschaut.“ Heute wird Hector sie fragen, ob sie eine neue Creme benutzt, weil ihr Haut so strahlt. Und er wird ihr nicht nur ein paar Münzen geben, sondern auch die Bonbons, die er am Freitagabend im Restaurant an der Rezeption in die Tasche gesteckt hat. 

Hector spricht gerne darüber, dass er Gutes tut. Er sei nicht immer so gewesen, sagt er. Das habe erst nach der Scheidung angefangen. Hector, den Familienvater gibt es nicht mehr. Jetzt ist er Hector der Wohltätige. Es macht seine neue Identität aus. Durch seine neue Art, auf Menschen zuzugehen, hat er sich ein hauchdünnes, vielleicht nicht belastbares, doch recht ausladendes Netz voller Rituale und Kontakte gesponnen: Freitagabends geht er aus – in eine schickes Restaurant in Charlottetown. Er flirtet mit den Kellnerinnen, sie fragen ihn, wie es ihm geht und zum Schluss schauen sie lächelnd dabei zu, wie er das Bonbonglas plündert. „Für die Armen“, sagt er dann und hofft vermutlich, dass sie so etwas denken werden wie: „Was für ein charmanter wohltätiger Mann.“ Samstags wird er auf dem Wochenmarkt mit den Marktfrauen plaudern. Manchmal kauft er kleine Blumensträuße und verteilt sie unter den Damen. Eigentlich freut sich Hector immer auf den Markt am Samstag, aber wenn er Pech hat, läuft ihm sein Sohn – der Beamte – zwischen den Ständen über den Weg, der so tut als sehe den Vater nicht, weil der nach Stall und Pferden riecht.

Samstagabends geht Hector ins Pub. Auch dort kennt ihn so manche Kellnerin und manchmal begegnet er sogar einem Bekannten. Doch allzu lange kann der Mann mit dem Schnauzer nicht bleiben, denn am Sonntag muss er früh raus. Um elf Uhr fängt der Gottesdienst an und schon davor hat er ein volles Programm: Erst einen Coffee to go im Stammcafé holen, kurz mit – „Wie hieß sie doch gleich?“ – zu Sicherheit schaut er vorher noch im Telefon nach: „Richtig, Tracey!“ plaudern, die dort um diese Zeit auch ihren Kaffee trinkt. Dann hinunter spazieren zum Hafen und hinauf, zwischen bunten Holzhäusern, zur Kirche. Kurz bei den Bettlern stehenbleiben, gute Worte, Süßkram und Münzen verteilen, eine Stunde lang Gott nah sein und dann, zum zweiten Mal an diesem Wochenende, in das schicke Hotel gehen, wo das Frühstück, und das ist ein echter Geheimtipp, nur zehn Dollar kostet – Kaffee inklusive.

Dort erwartet ihn heute Elisabeth, die Sonntagsschicht schiebt, und ihm erzählt, dass ihr Großvater gestorben sei. Hector drückt sein Bedauern aus und sagt eine Plauderminute später, dass sie wieder fabelhaft aussieht und dass er nur deswegen heute hier ist. Eine Stunde später wird er bei Marianne, seine Rechnung begleichen. „Sie arbeitet schon seit 50 Jahren hier. Sie ist zurückgekommen, nachdem sie in Rente gegangen war. Ihr war ihr langweilig zu Hause“, flüstert er.

Hector kennt dieses Gefühl: „Am Anfang wusste ich gar nicht, was ich an meinen freien Sonntagen machen sollte.“ Mittlerweile hat Hector herausgefunden, was ihm gefällt: Den ganzen Nachmittag über fährt er in seinem schwarzen Van über die Straßen von Prince Edward Island. Stundenlang. Manchmal kommt er erst am späten Abend nach Hause.

Hector ist der ewig Lächelnde, der gerne plaudert, Witze reißt, viel von sich erzählt und wenig fragt – und dabei dennoch immer an Andere zu denken scheint. Er sei nicht immer so gewesen, sagt er über sich. Als Kind, ja da sei er zur Kirche gegangen. Mit seinen 17 Geschwistern und den Eltern. Sie, die Katholiken, knieten beim Beten nieder. Dann, für eine lange Zeit, gab es für Hector nur die Pferde, die er trainiert und in Rennen – nein, nicht geritten, sondern in einer kleinen Kutsche „gefahren“ – hat. Er war „Horserider“, wie er sagt. In jener Zeit heiratete er und bekam zwei Söhne. Es ist nun etwa zehn Jahre her, da kam, aus dem Nichts, so schien es ihm, die Scheidung. Danach hatte seine Frau zwei Häuser und zwei Söhne und er gar nichts mehr. Doch, etwas. 10.000 Dollar Schulden. Wenn Hector auf diese Phase in seinem Leben zu sprechen kommt, dann wäre es eigentlich an Jess, dem Mädchen mit der schiefen Brille, einmal für Hector mitzulächeln. Dann nämlich weicht all die Fröhlichkeit einem Anflug von Trauer. Nach der Scheidung fing er wieder an, in die Kirche zu gehen. In den Gottesdienst bringt er nun sonntäglich seine Angst vor dem Altwerden und dem Alleinsein mit, und ist gleich gar nicht mehr so allein, da die Bankreihen recht voll sind. Zugleich dankt Hector Gott und bittet ihn bei der Gelegenheit um eine weitere Woche, die ja doch auch viel Gutes hatte, dank der vielen Lächeln, die er in die Gesichter von – vor allem Damen – gezaubert hat. Eine dieser Damen ist übrigens Mary vom Charity-Secondhandladen Prince-Edward-Islands. Alle drei Tage schaut Hector auf der Jagd nach Schnäppchen bei ihr vorbei und es kommt schon mal vor, das sie ihn erblickt und sagt: „Oh, Hector, ich habe etwas für dich.“
Nein, so würde sie es nicht sagen. Sie würde von ihrem Wäscheberg, den sie gerade zusammenlegt, aufschauen, über ihr Gesicht würde ein Lächeln huschen und sie würde sagen: „Oh! Hector! Hello! How are you today? Und er würde so etwas antworten wie: „Wonderful, my Dear, wonderful!“ Dabei würde er in ein Lachen ausbrechen, in das sie einfallen würde und dann würde sie sagen: „Ich habe da etwas für Dich zur Seite gelegt.“ Beim letzten Mal war es eine mit Daunen gefütterte Weste von irgendeinem schicken Label. „So etwas kostet woanders über hundert Dollar und hier nur noch sieben!“ Hector strahlt. Wenn das passiert, freut er sich ein Loch in den Bauch. Erstens, weil er so etwas Kostbares fast geschenkt bekommt. Und nicht minder, weil ein weibliches Wesen mit geübtem Frauenblick etwas für ihn ausgesucht hat, das perfekt sitzt und ihm steht. Es zeigt ihm, dass nicht nur er an Andere denkt, sondern eben auch andere an ihn. Wenn es schon nicht mehr seine Exfrau ist – die er übrigens immer noch liebt.

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