Da sitze ich also und komme mir vor wie in einem amerikanischen Film. Vor mir am Computer sitzt eine kleine zierliche Frau mit langen seidigen schwarzen Locken und einem tief ausgeschnittenen Chiffonkleid. Neben ihr sitzt ein großer südländisch aussehender Mann im Anzug. Ob die was miteinader haben?, schießt es mir durch den Kopf. Eines haben sie aber mit Sicherheit gemeinsam: Sie sind beide Einwanderer. Ein wenig schäme ich mich, in dieser sehr schicken Umgebung für meine grobe Winterjacke, den Wollpulli und die Outdoorschuhe. Es wundert mich fast, wie freundlich die beiden dennoch zu mir sind. Ich bin hier, um ein Bankkonto zu eröffen. Das brauche ich spätestens dann, wenn ich meine erste Arbeitsstelle in Kanada antrete.
Es wird die netteste Kontoeröffnung meines Lebens werden.

Als ich eine Stunde später wieder auf der Straße stehe, habe ich nicht nur eine glänzende rote Karte mit goldenen Zahlen darauf in der Tasche, sondern auch ein breits Lächeln im Gesicht. Fast habe ich das Gefühl, ich habe zwei neue Freunde gefunden. Diese Bank scheint unendliche Ressourcen zu haben. Zu zweit haben sich die beiden über eine Stunde Zeit für mich genommen.

Am Anfang haben wir uns noch über das, was mein neues Konto so alles kann, unterhalten. Irgendwann ging es dann um die Schönheit Montréals im Sommer, Angela Merkel, den Berliner Flughafen und die kanadische Einwanderungspolitik. Mounas Wurzeln, man sieht es ihrem Teint und den schwarzen Wellen schon an, liegen in Nordafrika. Als Kind tunesischer Einwanderer ist sie jedoch hier aufgewachsen. Ihr Kollege ist vor vier Jahren mit seiner Frau aus Kolumbien nach Québec gekommen – als Fachkraft mit Arbeitserlaubnis. „Erst einmal bin ich hier vier Monate lang jeden Tag acht Stunden lang zum Französischkurs gegangen“, erzählt er in fließendem akzentfreien Englisch. „Danach habe ich dann die Stelle hier bei der Bank bekommen.“ Seine Frau, meinter, habe es dagegen schwerer gehabt: Als Grundschullehrerin sollte sie noch einmal zur Uni gehen. „Erst ein Jahr später, als hier akuter Lehrermangel herrschte, durfte sie doch anfangen, zu arbeiten.“

Zwischen all diesen Erzählungen unterschreibe ich ein paar Papiere. Dann zieht Mouna an mir vorbei, nicht ohne eine Duftwolke zu hinterlassen. Als sie zurückkommt, hält sie meine neue Bankkarte in der Hand. Ich darf am Automaten meine eigene PIN Nummer generieren, dann ist alles erledigt. Sie reicht mir die perfekt manikürte Hand: „Nice meeting you and: Welcome to Canada.“

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