Eigentlich wollte ich in dieser Nacht dabei zusehen, wie sie ein Haus versetzen. In Nordamerika ziehen nämlich nicht nur Menschen um, sondern auch ihre Heime. Darüber wollte ich einen Artikel schreiben.

Um zwei Uhr morgens finde ich mich jedoch mit Jim, dem Teammanager am Holzofen seines Wohnzimmers wieder, in der Hand eine Tasse Tee. Eines der Flugzeug-Fahrwerke, auf denen der 50er-Jahre-Bau eben noch durch ein Wohnviertel rollte, war ausgefallen, die Reparatur weit nach Mitternacht nicht möglich. Die sechsköpfige Crew musste abbrechen. Und genau jetzt parkt das Haus in der Einfahrt zur University of Victoria. „Ich hoffe, die sind morgen früh nicht allzu sauer“, meint Jim.

Vom späten Abend an waren die Männer rund zweieinhalb Stunden lang im Einsatz. Den meisten Teil der Zeit waren sie damit beschäftigt, das 60-Tonnen-Einfamilienhaus zwischen Kirschbäumen hervor auf die enge Straße zu operieren. Das Kamel musste durchs Nadelöhr.

Eigentlich hatte ich gehofft, dass mich jemand, wenn das Haus am frühen Morgen erstmal glücklich in Victoria stehen würde, zu Hause abliefern könnte. Doch nun sind wir noch lange nicht in der Stadt, als mich Jim fragt: „Wo wirst Du heute Nacht schlafen?“

Von Anfang an war Jim für mich zuständig. Er hat mich abgeholt und zum Team gebracht. Er hat all meine Fragen beantwortet. Das Umzugsunternehmen hat ihm die Verantwortung für mich übergeben und die nimmt er so ernst wie die Logistik von Drei-Zimmer-Küche-Bad-derzeit-ohne-Garten.

Ich vertraue ihm, er hat die Ausstrahlung eines Vaters – und außerdem ein paar anstrengende Stunden hinter sich. Ich will ihn nicht fragen, ob er mich in die 15 Minuten entfernte Stadt bringen kann. „Wir können Morgen frühstücken und in der nächsten Nacht schaust du dir den zweiten Teil des Spektakels an“, bietet er an.

Kurz darauf halten wir vor seinem Haus, auf der Fahrt hat er ununterbrochen geredet, das Adrenalin pulst in seinen Adern – so viel, dass er ohne Probleme wach geblieben wäre, bis das Haus am Ziel steht. So aber erzählt er mich am Feuer seine Lebensgeschichte.

Sein Heim könnte das Heim der fabelhaften Amélie sein – sozusagen ihr Landhaus. Die Badewanne hat Beine, die Teetasse ein gemaltes Herz auf dem Grund, der Spiegel einen Goldrand, die Fenster bunte Glasmuster und die Wände einen roten Anstrich. Schon viele Male hat er sein Reich umgebaut. Im Berufsleben versetzt Jim Häuser, privat immerhin Wände und Etagen. Er puzzelt mit den Räumen wie mit Legobausteinen, schleppt ausgediente Treppen, Balken und bunt bemalte Holzsäulen von Baustellen heran. Der 62-Jährige renoviert nicht nur; wenn ihm langweilig ist, so scheint es, greift er in die Struktur seines Hauses ein als wäre es ein Haufen Bauklötze. Es wird klar: Bauwerke sind sein Leben. JIm zeigt ein Foto. „So sah das hier mal aus, als wir es gekauft haben.“ Das Bild zeigt ein unscheinbares schmutzig weißes Holzgebäude, das mit dem säulenverzierten, verschachtelten Bau, in dem ich gerade stehe, nicht die geringste Ähnlichkeit hat.

Darüber ist ihm die Frau weggelaufen, hat ihn mit drei Kindern sitzengelassen. Ein gerahmtes Foto auf der Fensterbank hinter der Spüle zeigt einen Mann mit blonden Locken und sehr blauen Augen, auf dem Arm einen Säugling, neben ihm stehen zwei hübsche Mädchen. Das muss Jim mit den Kindern sein.

Sie fehlen ihm. Sie wohnen nicht weit weg, seine Tochter gleich nebenan auf dem zwei Hektar großen Waldgrundstück in einem Minihaus. Doch „früher die Bude voll, die Feunde meiner Kinder dauernd bei uns. Sie haben hier Parties gefeiert – und ich habe aufgepasst, dass sie keine Dummheiten machen. Als sie einer nach dem anderen irgendwann einschliefen, bin ich herumgegangen und habe ihnen Decken übergeworfen.“ Einen habe er aber erstmal unters Dach schieben müssen – für den Fall das es regnet. „Der lag in einer Schubkarre.“

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