Man macht komische Dinge, wenn man von einer Weltreise heimkehrt. Das letzte Mal, 2016, rief ich die Nummer meines alten Saxophonlehrers an. Um zu beschreiben, wie sehr mich dieser Vollblutmusiker geprägt hat, hier eine kleine Anekdote: Als mir meine Mutter 1999 sagte, dass wir wegziehen müssen, war ich nur aus einem einzigen Grund traurig. Ich wusste, dass der Unterricht bei ihm enden würde.

2016 war er schon tot, ich hatte es geahnt, doch ich verbrachte einen Nachmittag bei seiner Frau vor einer nussbraunen Wohnzimmerschrankwand inmitten von Erinnerungen. Abends am gedeckten Sofatisch packte sie mir zwei Extralagen Aufschnitt auf´s Brot. „Sei doch nicht so bescheiden!“

Und jetzt? 2021? Stehe ich auf dem Friedhof meines Heimatortes. Nein, mein Saxophonlehrer liegt hier nicht, aber es gibt viele tote Herpels, Götzes und Hennemanns. Mit diesen Namen bin ich aufgewachsen. Hennemann war der Bauer… stimmt nicht, Hennemann war der Blumenladen und Edel der Bauer. Herpel war der Bürgermeister. Wer Götze war, weiß ich nicht. All diese Läden und Höfe sind schon lange geschlossen. Nicht wegen Corona. Einfach so. Wer will sich heute noch auf dem Feld abmühen, wenn er das Land teuer verkaufen kann? Mit Frankfurt in Pendlernähe? Kein Problem!

Aber, hey, wusstet ihr, dass Bickenbach die Wiege Alnaturas ist? Bis Januar 2019, also bis zu dem Moment, in dem ich auf meinem Containerschiff ausreiste, war hier der Sitz der Konzernzentrale. Konnte man auf jeder Packung nachlesen. Doch nicht, dass ihr jetzt glaubt, sie hätten hier etwas angebaut. Was auch? Und wo? Dinkelkekse auf Sandacker? Öko-Kakao auf Frostböden? In Bickenbach war die Handelszentrale. Jetzt findet man sie zwei Orte weiter auf dem alten Kasernengelände der US Army, wo in den 90ern die Stiefmutter einer Schulfreundin arbeitete. Aus dem Armyshop besorgte sie uns buntes Popcorn und Cupcakes. Wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir ein: Joan war nicht aus den USA, sondern aus Kanada und meine Freundin irgendwann mal mit drüben, wo sie mitten im Wald in einem Haus aus Baumstämmen wohnte. Richtig. Ich war ja selber gerade dort und weiß nun, wie solche Häuser aussehen und wie es sich anfühlt, in ihnen zu wohnen.

Das Geräusch der Ferne

Wie auch immer, ich sehe mich auf dem Friedhof um, frage mich, warum mich mein Inneres „Ich“ hierhergeführt hat, nehme mir vor, diesen Ort und überhaupt das ganze Dorf objektiv zu betrachten. Wie jemand, der zuvor noch nie hier war. Eine Reisende, die spätestens morgen wieder gehen wird – so, wie sie es tausende Male in Kanada gemacht hat. Und davor in Neuseeland. Und davor in Kambodscha, davor in China, in der Mongolei, in Russland. Der leichte Wind weht das Rauschen der A5 herüber, zu dem ich quasi 16 Jahre lang allabendlich eingeschlafen bin. Das Geräusch der Ferne.

Die Sonne scheint. Die Vögel zwitschern. Ich muss an den Friedhof in der mongolischen Steppe denken, an der Grenze zu Russland. Damals machte unser Zug mehrere Stunden Halt und wir verließen den Bahnhof. Der Bahnhofsvorplatz war mit Bäumen bestanden, dazwischen Kühe. (Die Fotos unten beweisen: Es war wirklich so.) Nach einem Gang durchs Dorf (keine Ahnung, wie das aussah) kamen wir zu einem kargen Hügel. Wir stiegen hoch und fanden den Friedhof. Stoffblumen wehten im Wind, himmelblau lackierte Metallzäune umgaben die Gräber.

Greenpeace und andere Erinnerungen

Damals, als ich die Nummer meines alten Lehrers heraussuchte, war ich tieftraurig gewesen. Ich suchte nach Rat und wusste nicht, wo. Jetzt bin ich eigentümlich glücklich. So glücklich wie ich es noch nicht mal in den vergangenen Wochen in Victoria gewesen bin. Bei meiner ersten Heimkehr hatte ich immer das Gefühl: „Der Winter naht“ – vielleicht auch, weil ich Game of Thrones schaute. Jetzt glaube ich, dass der Sommer kommt. Alles hat einen Sinn, denke ich, während ich an den Gräbern entlangschlendere und Fotos mache. Bis ich zu den Grabsteinen mit den Kindern komme.

Später auf der Hauptstraße lässt mich etwas den Kopf heben. Damit bin ich ebenfalls aufgewachsen, auch ein Geräusch der Ferne: Ein Flugzeug kreuzt den blauen Himmel. Frankfurt ist nicht weit. Der Flieger ist kleiner als der, der mich am Sonntag nach Hause gebracht hat.

Beim Friseur steht ein Pappschild im Schaufenster „Friseure in Not“. Alles hat geschlossen. Eine junge Frau mit Kuchentrage-Behälter an der Hand und Spitzhacke über der Schulter kommt mir entgegen. Ich muss grinsen. „Dir ist schon klar, dass du witzig aussiehst, ja?“ Das oder irgendsowas hätte man ihr in Kanada auf der Straße zugerufen. Wir sehen uns an, lächeln. Keiner sagt was. Ein mittelalter Türke sitzt vor dem Shishacafé und sonnt sich. Passend dazu ist die Wand hinter ihm knallgelb gestrichen.

Reisende freuen sich immer, wenn sie heimkommen und sich nichts verändert hat. Das gibt ihnen das Gefühl der Sicherheit und Vertrautheit. Das Grundstück, an dem ich nun vorbeilaufe, hat sich seit 30, ach was, 40 Jahren nicht verändert. Der Hof ist unbefestigt, an den Rändern bröckelt der Beton, in den Ecken türmt sich Unrat. Die Mauer zum Nachbarn verliert nach wie vor den ergrauten Putz. „Asozial“, hätte man vor vor zwanzig Jahren noch laut gesagt, heute denkt man es. Selbst ich, die alles vorzieht, was anders ist, nicht geleckt, beschnitten, gestutzt, gekärchert, gesaugt, gelaugt… schaudert. Das hier ist nicht kreativ, das hier verströmt eine gefährlich ansteckende Nachlässigkeit und Lethargie.
Da fällt mir ein, dass wir als Kinder immer die Straßenseite gewechselt haben, wenn das Haus in Sicht kam; weil wir sonst Gefahr liefen, dass uns Arko, der Riesen-Rottweiler anspringt, jedenfalls das Gartentor – und wer wusste schon, ob das hielt, bei all dem Rost. Und als es noch den Opa gab, sprang uns der vom Fenster aus ins Auge. Da stand er im Feinripp und starrte uns nach. Schnell weg.

Dann komme ich bei den Leuten vorbei, bei denen ich in meiner Teenagerzeit immer klingeln wollte und rufen: „Ich bin eine von euch!“
Ich hätte bestimmt nur rumgestottert.
Wer auch immer dort wohnte – sie hatten den Greenpeace-Regenbogen im Fenster kleben, weit und breit das einzige Zeichen, dass sich in meiner Umgebung noch irgendjemand für mein Lieblingsthema interessierte. War ich also doch nicht allein. Mir fällt ein, dass ich ja frisch aus Vancouver komme, der Greenpeace-Zentrale, dem Geburtsort dieser Krieger. Dieser Gedanke schießt wie ein Pfeil durch meinen Kopf und bleibt in dem Teil des Hirns stecken, das für Glück zuständig ist.

Nachklapp: Nicht jedem geht´s so gut. Keine zwei Wochen und ich habe Mama´s Willkommensgruß gekillt. Ups. Die sind eingegangen wie die Primeln…

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