Weiß wie Schnee, weiß wie Asbest

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Da sind wir also. Unter dem grauen Himmel rollt Pete die letzten Meter über die vollkommen zugeschneite Ortsstraße und stoppt vor dem Museum für „Mineralogie und Bergbau“, kurz: „Asbest-Museum“.
Wir sind in Thetford Mines. Das wird kein leichter Tag. Es ist zwölf Uhr mittags, vor drei Stunden habe ich noch in der Wärme des luxuriösen Wohnzimmers von Barbara und Tim Rührei verputzt. Jetzt wird mich Pete hier mitten in Kanada in einem 25.000-Seelen-Kaff in einen Schneesturm entlassen. Außerdem wartet auf mich das Thema Asbest, zu dem ich recherchieren will, und ich weiß noch immer nicht, wo ich die nächste Nacht verbringen werde. Mein mulmiges Gefühl wird nicht besser, als Pete sagt: „Da brennt gar kein Licht.“

Nein, das darf nicht sein! Wo soll ich denn hin, wenn es geschlossen ist? Es erteilt mir meine Daseinsberechtigung in diesem Kaff. Hier will ich recherchieren und gleichzeitig warten, bis mir jemand bei Couchsurfing zurückschreibt. Ich erhoffe mir von diesem Museum nicht nur Erkenntnis, sondern auch Schutz vor Schnee und Kälte. Und Wifi!

Eine Sekunde später treibt mir der Wind die Schneeflocken in die Augen und mit ihnen die Tränen. Ich taste nach der Tür und umfasse den Griff – das Museum ist tatsächlich verschlossen. Ich drehe mich um. Die Schneedecke hier ist unberührt, nur meine eigenen Fußspuren erkenne ich wieder. Ich rüttele noch mal an der schweren Glastür, aber sie gibt nicht nach. Pete hatte also recht und es ist seine Idee, ein Café zu suchen, vor dem er mich absetzen kann. Cafés, das wird mir nun bewusst, werden so etwas wie mein Wohnzimmer in diesem Land. Sie bieten mir Schutz und ein Dach über dem Kopf, wenn ich mal wieder auf einen Bus warte, oder auf einen Host, der noch keine Zeit hat, mich abzuholen.

Wir fahren die völlig zugeschneite Hauptstraße entlang und ich bin erstaunt, als nur wenige Sekunden später eine Mall auftaucht, vor der ziemlich viele Autos und ein paar Schneemobile stehen. Als kurz darauf die Rücklichter von Petes Pickup im Schneesturm verschwinden, fühle ich mich schon nicht mehr so alleine.

Die nächsten 13 Stunden werde ich meinen 30-Kilo-Rucksack und meine zwei Taschen durch knöchelhohen Schnee zwischen dem Museum, das eine Stunde später eröffnen würde, dem Café, vor dem ich nun stehe, Tim Hortons und McDonald´s hin und hertragen. Ich, die ich Fast-Food-Ketten verabscheue, bin an diesem Tag dankbar, dass sie wirklich überall auf der Welt dünnen Kaffee und schlechte Burger verkaufen. Denn das bedeutet für mich, dass ich bis ein Uhr nachts Schutz vor Kälte, Schnee und dunklen Gestalten finde würde. Dann erst würde mich mein nächster Gastgeber abholen – ein Krankenpfleger, der bis Mitternacht arbeiten muss.

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